Es war einmal, vor langer Zeit, als die Nächte noch dunkler und die Sterne näher waren, da lebte in einer alten Stadt ein Drehorgelmann, von dem man sagte, er gehöre nicht ganz zu dieser Welt. Manche meinten, er sei aus einer Zeit gefallen, andere flüsterten, er habe einst einen Wunsch freigelassen, der ihn nun für immer auf Wanderschaft hielt. Seine Drehorgel war kein gewöhnliches Instrument. In ihrem Inneren schliefen Melodien, die älter waren als die Pflastersteine des Marktplatzes. Wenn der Drehorgelmann die Kurbel bewegte, erhoben sich diese Lieder wie feine Nebel aus dem Holz und schwebten durch die Gassen. Wer sie hörte, erinnerte sich an Dinge, die längst vergessen schienen: an verlorene Liebe, an Versprechen im Mondlicht, an Hoffnung, die niemals ganz verglüht.
Jeden Abend, wenn die Sonne hinter den Dächern versank, erschien der Drehorgelmann am Brunnen. Die Kinder hörten auf zu spielen, die Alten richteten sich ein wenig auf, und selbst die Katzen schienen zu lauschen. Denn es hieß, die Musik könne für einen kurzen Augenblick die Zeit anhalten.
Eines Abends trat ein junges Mädchen aus dem Haus mit den blauen Fensterläden. Als die erste Melodie erklang, begann um sie herum die Luft zu schimmern. Die Laternen flackerten heller, und ein leiser Wind trug den Duft von Frühling herbei, obwohl es noch Winter war. Das Mädchen blieb stehen, als habe die Musik ihre Füße an den Boden gebunden. Der Drehorgelmann sah sie an – und in seinen Augen lag ein sanftes Leuchten, als erkenne er in ihr die Erfüllung eines alten Zaubers. Von diesem Abend an kam sie jeden Tag, und jedes Mal spielte er ein neues Lied nur für sie. Die Melodien ließen Blumen zwischen den Steinen wachsen und machten die Nächte wärmer, als sie sein sollten.
Doch Märchen kennen kein Bleiben. In der Nacht des ersten Vollmonds verstummte die Drehorgel. Am Morgen war der Drehorgelmann verschwunden. Zurück blieb nur seine Drehorgel, die nun aus hellem Licht bestand und sich langsam in tausend funkelnde Töne auflöste.
An der Stelle, wo er gestanden hatte, wuchs eine einzelne weiße Rose. Und wenn der Wind durch die Stadt zog, konnte man manchmal eine ferne Melodie hören, als erzähle sie davon, dass wahre Liebe nicht vergeht, sondern sich verwandelt.
Seitdem glauben die Menschen, dass der Drehorgelmann weiterzieht, von Stadt zu Stadt, von Herz zu Herz. Und wer ihm begegnet, weiß: Für einen Augenblick ist man Teil eines Märchens.